DAS RELIKT VON BIR HOOKER

Mit dem Taxi auf den Weg nach Bir Hooker Luftaufnahmen und Karten von Bir Hooker (Deutsche Wehrmacht 1941/42) Luftaufnahme von Bir Hooker um die Jahrtausendwende Toter Esel am Strassenrand Ein Farmhouse in der Nähe von Bir Hooker Wir biegen auf einen Feldweg ein Nagib öffnet das Paket mit dem Relikt (Nachgestellte Szene von Tokyo Broadcasting Television) Neugierig und entsetzt zugleich nehme ich das grausige Ding in meine Hände Zum Größenvergleich lege ich eine ägyptische 20 Pfund-Note neben den Finger An der Stelle wo der Finger von der Pranke gehackt wurde, schaut ein Stück Knochen aus dem Fleisch Der menschenähnliche Finger ist sagenhafte 38 Zentimeter lang Der Grabräuber besitzt sogar eine Röntgenaufnahme von dem Relikt. Ein Verkauf des Fingers steht nicht zur Diskussion (Nachgestellte Szene von Tokyo Broadcasting Television)

Wie ich zu diesem Grabräuber nach Bir Hooker kam, lesen Sie hier oder in meinem Roman: LOST GOD

 

Die mit Lehm verputzten Wände schimmern in blassem blau. Vorhänge statt Türen trennen die Räume voneinander. Nagib führt mich in eine Kammer in hinteren Teil seines Hauses. Es gibt eine Kommode dort, einen blinden Spiegel, ein Sofa mit einer schmuddeligen roten Decke darüber, einen Schrank sowie zwei Holztruhen. Der Raum wirkt völlig überladen. Die Einrichtung ist zwar alt und abgenutzt, dennoch erscheint sie mir viel zu feudal für ein ägyptisches Landhaus. Als Sohn eines Stilmöbelschreiners meine ich zu wissen, dass es sich um englische Möbel des späten 19. Jahrhunderts handelt.

Nagib bittet mich auf dem Sofa Platz zu nehmen, kramt einen Schlüsselbund unter seinem Kleid hervor, beugt sich über eine der beiden Truhen und öffnet sie. Ich recke den Hals, doch sein Rücken versperrt mir die Sicht. Als Nagib sich umdreht, hält er ein längliches, in braunes Leder gewickeltes Bündel in den Händen. Er legt es neben mir auf dem Sofa ab und löst die Schnüre. Unter dem Leder kommt schmutzig-weißes Leinen zum Vorschein. Vorsichtig faltet er den Stoff auseinander.

 

Das Relikt von Bir Hooker

Mit einer Mischung aus Neugierde und Verwunderung betrachte ich den muffig riechenden Gegenstand. Er hat die Form eines Knebels, ist etwa 30 bis 40 Zentimeter lang, sechs bis acht Zentimeter dick, auf der Oberseite flachgedrückt und der Länge nach zweimal geknickt. Am dickeren Ende ragt ein Stück Knochen heraus. Was ist das? Ein abgehacktes Ziegenbein? Will der Alte mich veräppeln? Ich sehe genauer hin. Die haarlose, teilweise von Schimmel befallene bräunliche Haut ist an mehreren Stellen aufgeplatzt. Das faserige Gewebe darunter erweckt den Anschein, als hätten Mäuse daran genagt.

Ich hebe das gruselige Ding hoch. Es wiegt einige hundert Gramm. Ratlos drehe ich es um und erstarre im selben Moment. Ein eiskalter Schauer läuft mir über den Rücken. Das ist völlig unmöglich,schießt es mir durch den Kopf. Was ich da in meinen Händen halte, kann es überhaupt nicht geben!Ich zwinge mich, den Blick davon zu lösen, und sehe zu Nagib hoch. Der steht mit unbewegtem Gesicht über mir. Einen Moment lang starren wir uns gegenseitig an. In seinen schwarzen Pupillen spiegelt sich das Wissen um ein ungeheuerliches Geheimnis aus längst vergangener Zeit. Erneut glotze ich auf das Ding. Ist es wirklich das, wonach es aussieht? Der abgehackte Finger eines menschenartigen Monsters, wie sie in alten Mythen, Sagen und in der Bibel vorkommen?

Ich will und kann es nicht glauben, also studiere ich den Finger genauer. Nagib bemerkt mein Misstrauen, greift nochmals in die Truhe, befördert eine Ledermappe ans Licht und überreicht sie mir. In der Mappe befinden sich ein altes Vergrößerungsglas und ein Umschlag mit einem vergilbten Dokument. Das Papier enthält einen verschnörkelten Briefkopf mit arabischen und lateinischen Schriftzeichen, einen von Hand verfassten Bericht, Stempel und Unterschrift. Unter einer rostigen Büroklammer steckt so etwas wie eine Checkliste zum abhaken, eine von Hand zugeschnittene Röntgenaufnahme sowie ein verblasstes Polaroid-Foto des Fingers. Nagib erklärt, er habe das Relikt von seinem Vater geerbt, der es seinerseits von seinem Vater übernommen hatte. Woher der Finger ursprünglich stammt und wo sich der restliche Körper befindet, kann oder will der Alte mir nicht verraten. Zum Röntgenbild merkt er noch an, sein bei einem Autounfall ums Leben gekommener Sohn habe das Relikt von einem befreundeten, in einer Klink tätigen Arzt untersuchen lassen.

 

Eine Fälschung?

Mein Vater ist Stilmöbelschreiner. Ich habe viel Zeit in seiner Werkstatt verbracht, kenne mich daher mit den unterschiedlichsten Materialien aus und weiß, wie sich verschiedene Holz- und Ledersorten, Stoffe, Plastik etc. anfühlen.
Niemals zuvor habe ich etwas derart genau untersucht wie dieses Ding. Die Lupe ist mir dabei eine große Hilfe. Dennoch kann ich nichts finden, was auf eine Fälschung hindeutet. Irgendwann gibt mir Nagib zu verstehen, meine Besuchszeit sei vorbei. Er erlaubt mir noch, den Finger zu fotografieren, schießt auf meine Bitte hin auch ein Bild von mir und dem Relikt, dann begleitet er mich hinaus. Ich frage ihn noch, ob er das Ding verkaufe, was er mit energischer Geste verneint.
Während der Fahrt zurück nach Kairo denke ich angestrengt nach. Habe ich etwas übersehen? Nagib handelt mit geraubten Antiquitäten. Warum nicht auch mit Fälschungen? Mit nachgeahmten Figuren, Gefäßen, Möbeln und anderen Gegenständen aus der Pharaonenzeit lässt sich bestimmt gutes Geld verdienen. Aber was ist mit so einem Gruselding? Eine Fälschung dieser Qualität, dazu noch mit falschen Belegen und einer Röntgenaufnahme, ist bestimmt nicht billig. Und dann will er es noch nicht einmal verkaufen. Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir: Das Relikt von Bir Hooker ist keine Fälschung!

 

Es geht weiter mit:  Nachforschungen zum Relikt

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